<< Zurück

Gedanken zur Ikonographie des Großen Siegels der Universität Heidelberg

Dr. phil. Thomas Haffner
Fachreferent an der Sächsischen
Landesbibliothek - Staats- und Universitäts-bibliothek Dresden

 

Wie den Notizen aus dem ältesten Rektorbuch der Universität Heidelberg zu entnehmen ist, trat der ehemalige Pariser Universitätslehrer und Kölner Kanoniker Marsilius von Inghen (1342 – 1390) am 18.11.1386, einen Tag nach seiner Wahl zum ersten Rektor der Universität1, gemeinsam mit dem aus Prag stammenden Artistenmagistern Heilmann Wunnenberg und Dietmar Swerthe an den pfälzischen Kurfürsten Ruprecht I. mit der Bitte heran, die Siegelstempel anfertigen zu lassen, die die Universität zur Ausstellung rechtskräftiger Urkunden benötigte.2 Der Kurfürst beauftragte daraufhin unverzüglich seinen Protonotar Otto von Neustadt, "dafür zu sorgen, daß beide Siegel durch seinen Goldschmied angefertigt würden, indem er demselben modum und formam ausführlicher (plenius) beschreibe."3 Die Beschreibung der Siegel, die vielleicht nach Beratung durch Marsilius und die beiden anderen Artistenmagister dem ausführenden Hofgoldschmied4 übermittelt wurde, hat sich leider nicht erhalten, so daß sich der mit "plenius" umschriebene Grad der Ausführlichkeit und Genauigkeit, mit dem "modus" (d.h. Maß, Gewicht, Material) und, was im Zusammenhang dieser Studie sehr aufschlußreich wäre, "forma" (d.h. äußere Gestalt sowie Komposition und Ikonographie) der Siegelstempel festgelegt waren, nicht mehr ermessen lassen. Erhalten geblieben sind die originalen Silbertypare selbst5 , die im 1396 erstellten Vermögensverzeichnis der Universität als "sigillum maius" (d.i. das "sigillum universitatis") und "sigillum minus" (d.i. das "sigillum rectoratus") voneinander unterschieden werden.6

Die älteste bekannte Beschreibung und Deutung des Großen Heidelberger Universtiätssiegels findet sich im Kapitel "De Sigillis Academiae" der "Historia universitatis Heidelbergensis", die der Heidelberger Theologieprofessor David Pareus (1548- 1622) um die Wende vom 16. zum 17. Jh. verfaßte.7 Pareus beschreibt zutreffend den thronenden Petrus mit dem Schlüssel sowie die zwei knienden Jünglinge mit pfälzischen Wappen unter einer Baldachinarchitektur und deutet die Figuren anschließend ausführlicher, wobei er sich als recht vertraut mit der Ikonographie des alten Siegels erweist.8 Völlig außer acht läßt er allerdings die Umschrift "s.(igillum) universitatis studii heydelbergensis" in gotischen Minuskeln und die vegetabilen Elemente zwischen den einzelnen Worten. Erstaunlicherweise wurden die prägnanten vegetabilen Elemente auch in der jüngeren Literatur zum Großen Heidelberger Universitätssiegel bis heute lediglich beiläufig als "Blätterranken"9, "Rankenwerk"10 oder "Blattranken"11 beschrieben. Die Vegetabilien fallen aber erstens durch ihre sehr differenzierte Darstellung und zweitens durch den ungewöhnlich breiten Raum, den sie in der Umschriftzone einnehmen, so sehr auf, daß man in ihnen mehr sehen möchte als nur dekorative Füllsel.

Es handelt sich deutlich erkennbar um einzelne, hintereinandergereihte und dabei auf die Worte der Umschrift hin orientierte Zweige, die an ihrem unteren Ende schräg angeschnitten sind.12 Sie zeichnen sich durch knorrigen, sparrigen Wuchs und recht spärliche Belaubung aus. Die zickzackförmig verlaufenden, relativ starken Haupttriebe bilden feine Seitenästchen aus, an deren Enden meist drei kleine, spitzovale Blättchen sitzen, die manchmal aber auch zu Knorzen ohne Blätter verkümmert sind. Dies sind alles Merkmale, die der Heidelbeere (Vaccinium myrtillus) eigen sind, wenngleich die Darstellung des Siegelstempels keine Beeren erkennen läßt. Vielleicht war es einfach in dem miniaturhaften Format nicht möglich, die Beeren in angemessener Größe darzustellen. Auch wären sie wahrscheinlich auf dem Abdruck neben den ohnehin schon unscharf sich abzeichnenden Blättchen gar nicht mehr als solche zu erkennen gewesen.

Nicht nur die genaue Bestimmbarkeit der Pflanzenteile, sondern auch der Umstand, daß sie fast genauso viel Raum wie die Worte der Umschrift beanspruchen, weisen auf ihre besondere heraldische Bedeutung hin. Denn weder das Siegel der Pariser Universität aus dem 13. Jh.13, noch die ältesten Siegel der beiden vor Heidelberg erstmals auf Initiative von Landesherren gegründeten Universitäten Prag (1348) und Wien (1365)14 zeigen vegetabile Elemente von derartigem Ausmaß im Umschriftenbereich15, noch auch sonstige Siegel der Zeit.

Frühere, vergleichbare Darstellungen des Heidelbeergewächses sind dem Verfasser nicht bekannt, auch nicht aus Kräuterbüchern, da die Pflanze in der antiken wie mittelalterlichen Heilkunde anscheinend so gut wie keine Rolle spielte.16 Aber gerade für Heidelberg scheint die Heidelbeere eine größere Bedeutung gehabt zu haben. Sie muß dort so häufig vorgekommen sein, daß man schon früh den Ortsnamen etymologisch mit ihr in Verbindung brachte. Ausführlich beschäftigte sich mit dieser volkstümlich anmutenden Namensherleitung erstmals der Dichter Paulus Schede Melissus, Bibliothekar der Heidelberger Bibliotheca Palatina von 1586 bis zu seinem Tod 1602, in seinen 1598 verfaßten "Commentariuncula de Etymo Heidelbergae, et monte Myrtillifero".17 Er gab ihr eindeutig den Vorzug vor anderen, ihm absurd erscheinenden Etymologien. Seiner Analyse des Ortsnamens zufolge bedeutet "Haidelberga" soviel wie "Heidelbeer- Berg". Schon vor Erbauung der ersten Burg und der Stadt habe der Ort so geheißen, beteuert Melissus. Um seine Ansicht zu belegen, zitiert Melissus zunächst einige Verse aus dem 1469/70 entstandenen 1. Buch der sog. Pfälzischen Reimchronik des Michel Beheim († 1474/78)18, woraus allerdings auch hervorgeht, daß schon im 15. Jh. mehr als eine etymologische Erklärung im Umlauf war:

Dyse hyeig statt ist nach aim / perlin eines gewechst vil claim / Heydelberg nach hyeiger spräch / von uns Tutschen geheißen. äch / etlich sagen und iehen, / es sy also beschehen: / Sie werd von Inwonern ettwo / der heydenischen Diet also / ungleubig Heydenberg genand, / wie dem sey, in dem selben stand / laß' ich es also bliben, / ich will fürbasser schriben.

Wahrscheinlich war, wie man heute annimmt19, Matthias von Kemnat († 1476) Mitautor der Pfälzischen Reimchronik. Er hatte bereits um 1465 eine frühneuhochdeutsche Übersetzung von einer lateinischen Lobrede auf Kurfürst Friedrich I. angefertigt, die der Humanist Peter Luder († 1472) am 11.2.1458 in der Heidelberger Universität gehalten hatte.20 Diese Rede enthält eine Laudatio Heidelbergs, die das älteste nachweisbare literarische Zeugnis für die Heidelbeer-Heidelberg-Etymologie darstellt.21 Wohl aufgrund des ganz offenbaren Gleichklangs der Worte erachtete es Luder ebensowenig wie Beheim für notwendig, das Gewächs beim Namen zu nennen. Im Unterschied zu Beheim bringt Luder nur diese eine Etymologie, die er als Enkomiast auf eine uralte Tradition, nämlich auf die Kelten zurückführt:

Hic urbs antiqua potens armis atque ubere glebe, celebrata hospitibus ac frequens incolis collocata est, quam Galli a baccis virgulti minutissimi Heydelbergam nominarunt. 22

In Matthias von Kemnats Übersetzung lautet die Stelle:

Dar in ist gelegen ein stat mechtig kriegs, vnd uberflusszigkeyt des ertrichs, stetlich geziert von usszluten vnd von heimschen: die do genant wirt von den bern eines kleynen gewechse heydelberg von den Deutschen.23

Als zweiten Gewährsmann für die von ihm vertretene Etymologie führt Melissus den Historiker und Theologen Franciscus Irenicus (1495-ca. 1559) an, dessen "Germaniae exegeseos volumina duodecim" erstmals 1518 in Nürnberg gedruckt wurden. Die relevante Stelle lautet dort24:

HEIDELBERG iuxta Neccharum & hercynium, a Ptolemeo dicitur Budoris teutonice Heidelberg, a nigrorum vaciniorum vel brunorum (teutonice Heidelber) multitudine.

Auch auf bildliche Darstellungen kann sich Melissus bei seiner Argumentation stützen. Er beschreibt zunächst ein Marmordenkmal an einer Quelle unterhalb des Heidelberger Schlosses, auf dem der Pfälzer Löwe mit zwei Wappenschildern dargestellt sei: das rechte zeige das pfälzisch-bayerische Doppelwappen, das linke einen üppig mit beerentragenden Heidelbeersträuchern bewachsenen Berg, auf dem eine Jungfrau mit einem Strauß Heidelbeerzweigen in der Rechten stehe (d.h. es handelt sich um ein "redendes Wappen).25 Des weiteren weiß Melissus aus dritter Hand von einer alten Stadtfahne, die das Bild einer Nymphe "in monte myrtillorum", also auf einem "Heidelbeerberg", getragen habe.26

In einer kleinen gedruckten "Additio" verweist Melissus sogar auf das älteste Heidelberger Stadtsiegel, dessen Abdruck sich an Urkunden von 1344-1392 erhalten hat und das den Pfälzer Löwen mit einem Rautenschild und einem Topfhelm zeigt, dessen geschwungene Hörner mit einzelnen herzförmigen Blättchen besetzt sind27. Er vermutet, daß mit den blattbesetzten Hörnern Heidelbeerzweige gemeint sind28. Jedoch sind die Pflanzenteile hier keineswegs mit solch ausgeprägten Zügen wiedergegeben, daß sie sich in dem Maße botanisch bestimmen ließen wie die Zweige des Großen Universitätssiegels.29 Immerhin machen das "redende Wappen" auf dem Monument und die Stadtfahne, auf denen laut Melissus Heidelbeerpflanzen dargestellt gewesen sind, eine heraldische Verwendung der Pflanze wahrscheinlich.

Vorausgesetzt nun, daß die als Heidelbeerzweige bestimmten Pflanzenelemente des Großen Universitätssiegels auch ohne die Beeren, die in allen schriftlichen Quellen und bei den von Melissus beschriebenen bildlichen Darstellungen (außer dem Stadtsiegel) zweifelsohne im Vordergrund stehen, entsprechende Bedeutungsträger sind, stellt das von Ruprecht I. 1386 in Auftrag gegebene Typar das älteste Zeugnis und zugleich die einzige bislang bekannte bildliche Umsetzung der Heidelbeer- Heidelberg-Etymologie dar.

Im Gesamtzusammenhang der Ikonographie des Großen Siegels betrachtet, bilden die Heidelbeerzweige ein bildliches Äquivalent zum Adjektiv "heydelbergensis"; und damit ist neben dem Papst bzw. dem Bistum Worms in Gestalt des zentral thronenden Petrus und neben der kurfürstlichen Landesherrschaft, die sich in Gestalt zweier niederkniender, geharnischter Männer mit dem pfälzischen und dem bayerischen Wappen sinnfällig der kirchlichen Gewalt beugt30, auch die Universitätsstadt Heidelberg heraldisch auf dem Siegel präsent, auf jenem Siegel, das man, obwohl oder gerade weil es heute so häufig in Umzeichnung auf Plakaten, Urkunden und Briefköpfen der Universität Heidelberg abgebildet ist, gar nicht mehr recht wahrnimmt.

Quelle: Dr. phil. Thomas Haffner: Die Heidelbeere im Siegelbild?
Gedanken zur Ikonographie des Großen Siegels der Universität Heidelberg, in: Ruperto Carola 44 (1992) H. 86, S. 81-88.

 

ANMERKUNGEN

1 Acta Universitatis Heidelbergensis I.1 , die Rektorbücher der Universität Heidelberg, Bd. 1 Heft 1, hrsg. v. J.
Miethke, bearb. v. H: Lutzmann u. H. Weisert, Heidelberg 1986, Nr. 73, S. 149.
2 P. Zinsmaier. Die älteren Siegel der Universität Heidelberg, in: Ruperto Carola, Sonderband: Aus der Geschichte
der Universität Heidelberg und ihrer Fakultäten, aus Anlaß des 575jährigen Bestehens der Ruprecht-Karl-
Universität Heidelberg, hrsg. v.G. Hinz, Heidelberg 1961, S. 62-75 (Wiederabdruck aus: Zeitschrift für die Geschichte
des Oberrheins, N.F. 50, Heft 1, 1936, S. 1-20), hier: S. 62. J. Miethke, Marsilius von Inghen als Rektor der Universität
Heidelberg, in: Ruperto Carola 76, 1987, S. 110-120, hier: S. 112 f. u. S. 118.
3 Die gesamte Notiz lautet im lateinischen Original (zit. n. Acta Universitatis Heidelbergensis [s. Anm. 1], Nr. 74
S. 149 f.): "Inprimis XVIII. die eiusdem mensis dictus rector associatus predictis magistris arcium adiit illustrem ducem
seniorem predictum super sigillis pro eodem studio necessariis procurandis, qui pronus favore commisit indilate honorabili
viro Ottoni de Novo Lapide suo prothonotario, quatenus utrumque sigillum per suum aurifabrum fieri procuraret
modum et formam illorum plenius eidem describendo."
4 J. M. Fritz (Goldschmiedekunst der Gotik in Mitteleuropa, München 1982, Nr. 386 S. 240) nennt im Zusammenhang
mit dem Großen Siegel den Goldschmied Christian Flaschen, der 1370 vom Kurfürsten Haus, Hof und
Garten in Heidelberg erhielt, fügt aber hinzu, daß es keinerlei Anhaltspunkte für dessen Identität mit dem Künstler des
Großen Siegels gebe. S.a. ders., in : Mittelalterliche Universitätszepter. Meisterwerke europäischer Goldschmiedekunst
der Gotik, Ausst.-Kat. Heidelberg 1986, S. 18.
5 Vom Großen Siegel existieren sogar zwei originale, im Durchmesser 70 mm messende Typare: das eine,
ziemlich abgenützte und beschädigte Exemplar, das im Rektorat der Universität Heidelberg aufbewahrt wird, war
wohl der Gebrauchsstempel, während es sich beim anderen, in allen Feinheiten erhaltenen Exemplar (P. Zinsmaier
[s.Anm. 2] Abb. S. 65), das 1857 als Geschenk des Fürsten Carl Eugen von Fürstenberg in das Germanische Nationalmuseum
Nürnberg gelangte, wohl um ein reines Prunkstück handelt. S. dazu: J. Siebmacher's Großes Wappenbuch,
Bd. 7 (Berufswappen. Die Siegel der deutschen Universitäten) (= Repr. aus Bd. 1, 7 Abt. [Berufswappen],
bearb. v. G. A. Seyler, Nürnberg 1898 und aus Bd. 1, 8. Abt. [Die Siegel der deutschen Universitäten in Deutschland,
Österreich und der Schweiz], bearb. v. E. Gritzner, Nürnberg 1906), Neustadt a. d. Aisch 1976, S. 16. P. Zinsmaier (s.
Anm. 2), S. 66. S. außerdem die Beschriftung im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg. Das Typar des Rektorsiegels
(Durchmesser 42 mm) befindet sich heute im Münzkabinett des Badischen Landesmuseums Karlsruhe (dazu:
J. M. Fritz im Ausst.-Kat. Heidelberg 1986 [s. Anm. 4], S. 19 m. Abb.).
6 "Sunt etiam alia bona vniuersitatis, sed hec non sunt singulariter sub manu vnius, sed omnibus nota, sicud
sigillum maius, sigillum minus, virga argentea, libri de quibus est registrum." (zit. nach: Die Matrikel der Universität
Heidelberg von 1386 bis 1662, bearb. u. hrsg. v. G. Toepke, 1. Teil (von 1386 bis 1553), Heidelberg 1884, S. 673.
Zu den historischen Benennungen der Siegel s. P. Zinsmaier (s. Anm. 2), S. 64 u. S. 66.
7 Das letzte in David Pareus' "Historia" aufgezeichnete Ereignis datiert aus dem Jahr 1591. Die "Historia"
ist in zwei von unterschiedlichen Händen geschriebenen Exemplaren überliefert, die ehemals als Codex 358, n. 88
und Cod. 358, n. 88I in der Universitätsbibliothek Heidelberg, heute aber unter den Signaturen A-120/1 (olim I, 4,
Nr. 1) und A-120/2 (olim I, 4, Nr. 2) im Universitätsarchiv Heidelberg aufbewahrt werden. Ich zitiere den betreffenden
Abschnitt nach dem 1. Exemplar (S. 218, verbessert zu S. 219): "[…] Primum Magnum Universitatis Sigillum.
In quo sub Uranisco, vel peristylio fornicato caelati operis Petrus cum clave procumbentibus in genua duobus cum
Palatinis Insignibus adolescentibus residet. PETRO merito hoc destinatur Sigillum. Petri enim, hoc est, Pontificum
Romanorum Urbani Sexti, Bonifacii Noni, Pauli tertii, Julii Tertii et aliorum beneficio Academia haec vitam, Spiritum,
animam, alimoniam, incrementum, decus et autoritatem sibi comparavit. Unde etiam Pontificij et Ecclesiastici Iuris
praerogativa et eminentia gaudet. Duo vero adolescentes insignia Palatina praeferentes Electorum Palatinorum
supplices ad Pontifices pro Academiae confirmatione intercessores designant: et simul sub Pontificum et Electorum
clientela et patrocinio suaviter reclinare Universitatem ostendunt. Utique Sacrorum Principes Academias sibi curae
cordique esse identidem demonstrarunt."
8 Zu Pareus' Deutung s. u. Anm. 30.
9 J. Siebmacher's Großes Wappenbuch (s. Anm. 5), S. 16
10 P. Zinsmaier (s. Anm. 2), S. 64.
11 Siegel der Universität Heidelberg. Ausst. im Lapidarium des Kurpfälzischen Museums 8. Febr. – 28. Febr.
1987, Heidelberg 1987 (Hefte zur Stadtgeschichte Nr. 1, hrsg. vom Kurpfälzischen Museum der Stadt Heidelberg),
S. 9 (den Hinweis auf diese Publikation verdanke ich dem Universitätsarchiv Heidelberg).
12 Zwei Zweige hintereinander sind mit ihren Spitzen auf das Wort "universitatis" ausgerichtet, je ein Zweig
von beiden Seiten auf das Wort "studii", und auf das Wort "heydelbergensis" zwei Zweige hintereinander von der einen, und ein Zweig von der anderen Seite her.
13 Diese Besonderheit des Heidelberger Universitätssiegels ist um so bemerkenswerter insofern, als Papst
Urban VI. in der Stiftungsbulle vom 23.10.1385 die Pariser Universität als Vorbild für die Heidelberger Universität
genannt hatte (,,… studium generale ad instar Parisiensis." [s. E. Winkelmann, Urkundenbuch der Universität
Heidelberg. Zur fünfhundertjährigen Stiftungsfeier der Universität, Heidelberg 1886, Bd. V.1, S.3]) und Marsilius von
Inghen, der ja selbst in Paris gelehrt hatte, sich in Heidelberg geradezu programmatisch an Pariser Einrichtungen
und Gepflogenheiten orientierte (s. J. Miethke [s. Anm. 2], S. 113 f.).
14 E. Wolgast, Die Universität Heidelberg 1386 – 1986, Berlin / Heidelberg / New York / London / Paris / Tokyo
1986, S.1.
15 Zu bedenken ist natürlich, daß die dicht gedrängten Umschriften des ältesten Prager wie des ältesten
und zweitältesten Wiener Universitätssiegels bei ähnlicher Typargröße aus einer größeren Anzahl von Buchstaben
bestehen als die Umschrift des Heidelberger Siegels, wie aus nachfolgender Aufstellung zu ersehen ist:

Die Abstände zwischen den Worten der Umschrift des Heidelberger Siegels hätten aber erheblich verringert werden
können, wenn das Wort "sigillum" wie beim Prager Universitätssiegel voll ausgeschrieben oder auch, wie bei manchen
anderen Siegeln üblich, als "sigill." abgekürzt worden wäre.
16 G. Hegi, Illustrierte Flora von Mittel-Europa. Mit besonderer Berücksichtigung von Deutschland, Oesterreich
und der Schweiz, Bd. V, 3. Teil, 1. Aufl. München 1927, S. 1680.
17 R. Kettemann, Heidelberg im Spiegel seiner ältesten Beschreibung, Heidelberg 1986, S. 28 f. Melissus'
kleine Abhandlung erschien als Beitrag zu: Originum Palatinarum Pars Prima. Maquardo Frehero M. F. Consiliario
Archi-Palatino Auctore. […] Editio Secunda, innumeris locis melior, et locupletior. Heidelbergae 1613. Die entscheidenden
Stellen seien hier zitiert (bei der Wiedergabe dieser und der folgenden Textstellen werden die Buchstaben "v"
und "u" entsprechend der heute gebräuchlichen Schreibung des Lateinischen gesetzt): "[…] Etymologiam vocabuli
si consideres, ea planissima est, ex duobus integris composita. Berg montem sonat, Haidel myrtillos. Haidelberga
igitur est myrtillorum-mons. Myrtillos autem vocant medici Itali, Hispani, Galli, Germani, omnes denique alii, qui rei
herbariae incumbunt, bacculas illas sive uvulas nigellas; quarum maxima hoc in monte nascitur copia, et sunt esci.
Maturescunt mense lunio; durant per lulium, et quotam partem Augusti. Tritae & expressae hae uvulae coloris sunt ex
caeruleo & puniceo mixti. Tinguere eo consuevere compactores librorum membranas & cartas. At vero nomenclatura
non est nata nostro aevo, sed superioribus saeculis, ut ex scriptis auctorum manufeste apparet. …]" (S. 70 f.) Nach
der Feststellung, daß es mehrere Anhöhen in Deutschland gebe, die ihres reichen Heidelbeervorkommens wegen
"Haidelberg" genannt würden, fährt Melissus fort: "Igitur coniectura non modo certissima, sed & re ipsa verissime
adserere ausim, locum istum, de quo agimus, ita indigitatum, antequam … vel arcis veteris vestigia ulla, aut oppidi
superi inferique aedificia exstiterint. Mansit postea appellatio vetus & antiqua, quam hodieque oppidum retinet. […]"
(S. 71 f.) Den Hinweis auf Marquard Frehers "Origines Palatinae" verdanke ich Herrn Dr. Kettemann; ebenso den
Hinweis auf: E. Christmann/H. Derwein, Der Name der Stadt Heidelberg, Bühl o. J. (Sonderdruck aus: Oberdeutsche
Zeitschrift für Volkskunde 15, 1941) (zu Melissus s. S. 4; E. Christmann weist die frühe Form "Heidel" für "Heidelbeere"
nach und kommt so zur selben Etymologie des Ortsnamens wie Melissus).
18 Es sind die Verse 466-477 (Strophen 7 und 8). Ich zitiere, mit Ausnahme von Vers 476, nicht nach Melissus,
sondern nach einem Auszug von K. Christ (Zur Baugeschichte des Heidelberger Schlosses im Anschluß an des
Weinsberger Meistersängers Michel Beheim Lob auf Heidelberg v. J. 1470 von dem in der Heidelberger Universitätsbibliothek
befindlichen Original der "Reimchronik" kopiert und mit erklärenden Anmerkungen versehen von Karl
Christ, Heidelberg 1884 [= Extra-Beilage zum "Pfälzischen Museum" Nr. 6], S. 4 f.). Die Interpunktion ist an manchen
Stellen verändert nach: H. Gille. Die historischen und politischen Gedichte Michel Beheims, Berlin 1910 (Palaestra
XCVI), S. 171. Zur Erklärung (nach K. Christ, S. 4 f.): hyeig bedeutet "hiesig", claim "knapp, zusammengepresst",
hier: "winzig", äch (bei Melissus u bei H. Gille als ach geschrieben) "auch", iehen "behaupten", Diet "Volk". Die Jahreszahlen
1469 bzw. 1470 nennt Beheim selbst zu Anfang bzw. am Ende des 1. Buches der "Reimchronik" (betreffende
Stellen zitiert bei K. Christ, S. 12 f.)
19 M. G. Scholz, Zum Verhältnis von Mäzen, Autor und Publikum im 14. und 15. Jahrhundert. "Wilhelm von
Österreich" – "Rappoltsteiner Parzifal" – Michel Beheim, Darmstadt 1987, S. 166-174.
20 R. Kettemann (s. Anm. 17), S. 9-11 (leicht verändert abgedruckt als: Ein früher Preis Heidelbergs und seiner
Universität. Peter Luders LAUDATIO aus dem Jahre 1458, in: Ruperto Carola 75, 1986, S. 76-86, hier: S. 78 f.) Ders.,
in: Bibliothca Palathina, hrsg. v. E. Mittler, Ausst.-Kat. Heidelberg 1986, Bd, 1, S. 193-195.
21 R. Kettemann (s. Anm. 17), S. 28.
22 zit. nach R. Kettemann (s. Anm. 17), S. 12.
23 ebd. S. 16.
24 Buch 11 (S. CCXIIIIr) (ich zitiere mit aufgelösten Abkürzungen und moderner Schreibweise von "v" und "u").
Melissus verändert die Schreibung der Pflanzennamen: "Mecum certe facit Irenicus lib. XI. qui a nigrorum vaccinorum
vel prunum (Teutonice Haidelber) multitudine esse appellatum adserit" (bei M. Freher [s. Anm. 17], S. 72).
25 "Confirmat item monumentum in marmore publicum, ad limpidissimum fontem, in sublimi platea salientem,
qua itur equis & vehiculis ad arcem, in parte meridionali. Scuta ibi duo conspiciuntur, quae a Leone coronato tenentur.
In dextro sunt sculpta insignia Principum Palatinorum & Ducum Boiariae: in sinistri autem scudi fundo mons, myrtillis
in frutice pendentibus refertus; et super eo stans virgo ornatissima, dextera manu gerens fasciculum myrtillorum." (bei
M. Freher [s. Anm. 17], S. 72 f.).
26 "Huc facit quod & in vexillo civitatis antique effigies Nymphae stantis in monte myrtillorum [;] depicta enituerit.
Id vexillum diu in curia oppidana conservatum fuisse, narravit mihi CL.V. Caspar Agricola Iurisc. septuagenarius, qui
se porro adolescentem a quodam sene decrepito fideque digno audivisse dicebat." (bei M. Freher [s. Anm. 20] S. 73).
Die "virgo" oder "Nympha" übrigens könnte identisch sein mit jener heidnischen Seherin Jetta, die nach einer zuerst
von Leodius (1556) überlieferten Sage im Bereich des späteren Heidelberger Schlosses gehaust haben soll (s. dazu:
E. Christmann /H. Derwein [s. Anm. 17], S. 5)
27 s. F. von Weeck/F. Held, Siegel der badischen Städte in chronologischer Reihenfolge, hrsg. v. der Badischen
Historischen Kommission, 1. Heft (Die Siegel der Städte in den Kreisen Mosbach, Heidelberg, Mannheim und Karlsruhe,
Heidelberg 1899, S. 12 (hier werden die Pflanzenteile als Lindenzweige bezeichnet). Das zweite Heidelberger
Stadtwappen, das an Urkunden von 1353-1407 nachweisbar ist, zeigt einen von unbestimmbaren Zweigen umgebenen
Schild mit dem Löwen ohne Helm oder Krone.
28 "Additio. Et fortasse his omnibus non infirmius argumentum ducetur a perveteri sigillo civitatis, nuper demum
repertur, in quo Leo Palatinus galeatus, et pro galeae ornamento fruticetum horum myrtillorum gerens. Cuius ectypon
hoc loco representare non abs re visum" (bei M. Freher [s. Anm. 17], S. 73). Melissus bildet das Siegel auf derselben
Seite in Umzeichnung ab.
29 Die filigranen Zweige, die den Grund des vom selben Goldschmied stammenden "sigillum minus" überziehen,
sind nicht so eindeutig charakterisiert.
30 Zur Interpretation der Siegeldarstellung s. zusammenfassend den kurzen Artikel im Ausst-Kat. des Kurpfälzischen
Museums (s. Anm. 11), S.10. P. Zinsmaiers (s. Anm. 2) (S. 64) Identifizierung der beiden Schildträger als
Ruprecht I. und Ruprecht II. muß hypothetisch bleiben, zumal ja bei der Universitätsgründung noch eine dritte Persönlichkeit,
Ruprecht III., auf der kurfürstlichen Seite eine Rolle spielt. David Pareus (s. o. Anm. 7) deutet die knieenden
Schildträger als demütig um die Anerkennung der Universität bittenden "Vermittler" der Kurfürsten vor dem Papst und,
etwas überraschend, zugleich als Symbol für die unter dem Schutz der Päpste und der Kurfürsten sich ruhig zurücklehnende
Universität. Bei genauem Hinsehen fällt auf, daß die Figur mit dem Rautenwappen etwas tiefer in die Knie
geht als die mit dem Löwenwappen. Zudem fallen die Rüstungen der beiden verschieden aus (der Plattenschurz des
Pfälzer Wappenträgers beispielsweise erscheint wulstiger als bei seinem Gegenüber). Bedeuten diese Unterschiede,
daß der Träger des Pfälzer Wappens, der auf dem Typar (nicht im Abdruck) die bevorzugte, rechte Seite Petri einnimmt,
höherrangig ist?

 

© 2011 Heidel-Berg | Official Website
Impressum