Die Heidelbeere in der Naturheilkunde und Krebsvorbeugung
Prof. Dr. Ingrid Herr
Deutsches Krebsforschungszentrum DKFZ
und
Chirurgische Universitätsklinik Heidelberg
Zusammenfassung
Das traditionelle Wissen der Nahrungsheilkunde erlebt derzeit aufgrund neuer Kenntnisse ernährungswissenschaftlicher und medizinischer Forschung eine Renaissance. Heute ist erklärbar, warum bestimmte Lebensmittel therapeutische Wirkungen besitzen und weshalb der Verzehr von Obst und Gemüse zu einer geringeren Häufigkeit bestimmter Krebsarten führen kann. Beerenobst und insbesondere die Heidelbeere, hat danach die höchste Kapazität, freie Radikale unschädlich zu machen, bevor diese die Zellmembranen und die Erbsubstanz schädigen und zu Krebs, Schlaganfall oder Herzerkrankungen führen können. Sekundären Pflanzenstoffen wie den Anthocyanen aus der Heidelbeere wird eine krebsvorbeugende Wirkung zugeschrieben. Der vorliegende Artikel gibt eine Übersicht über sekundäre Pflanzenstoffe im Allgemeinen und fokussiert anschließend auf die heilkundliche Anwendung der Heidelbeere bei vielen Erkrankungen und ihre krebsvorbeugende Wirkung.
Einleitung
Sekundäre Pflanzenstoffe werden von der Pflanze als Abwehrstoffe gegen Schädlinge und Krankheiten synthetisiert. Wenn beispielsweise die Trauben von Weinstöcken von bestimmten Mikroorganismen angegriffen werden, wie dem für die Edelfäule verantwortlichen Pilz Botrytis cinerea, dann sondern sie große Mengen des Polyphenols Resveratrol ab, das piltztötend wirkt. Das Resveratrol ist vor allem in der Schale und in den Kernen von roten Trauben enthalten. In frischem, weißem Traubensaft hat man bis zu 200 µg/l, in frischem roten bis zu 1100 µg/l der Substanz Resveratrol nachweisen können. Die Produktion der sekundären Pflanzenstoffe korreliert direkt mit dem Stress, dem die Pflanze ausgesetzt ist. Ein Pinot Noir aus Burgund beispielsweise weist eine hohe Konzentration von Resveratrol auf (10 mg/l und mehr). Dies hängt mit der dünnen Schale und der kompakten Anordnung der Trauben dieser Rebsorte zusammen, die sie besonders anfällig für Mikroorganismen machen. Daher ist zu erwarten, dass Pflanzen, die auf natürliche Weise, also ohne synthetische Pestizide angebaut werden und somit vermehrt Angriffen ausgesetzt sind, größere Mengen sekundärer Pflanzenstoffe enthalten. Abgesehen von der Krankheitsabwehr enthalten viele Früchte bestimmte sekundäre Pflanzenstoffe, welche die Tiere zum Fressen der Früchte anregen. Dadurch wird die Verbreitung dieser Früchte erhöht. Als Duft- und Geschmacksstoffe beeinflussen sekundäre Pflanzenstoffe die Nahrungsauswahl des Menschen, in der Pharmazie dienen sie als Basis für zahlreiche Arzneimittel. Einzelne Wirkungen der sekundären Pflanzenstoffe sind in der Bevölkerung bekannt, wie beispielsweise die schützende Wirkung von Knoblauch vor Herz-Kreislauf-Erkrankungen, die anregende Wirkung von Kaffee oder der Stuhlgang hemmende Einfluss von Kakao. Pflanzen werden traditionell nicht nur zur Ernährung, sondern auch zur Therapie von Krankheiten eingesetzt, da sie pharmakologisch wirksame Stoffe enthalten. Die vorbeugende oder therapeutische Wirkung der Pflanzen war bereits den Ägyptern 1500 vor Christus bekannt, die Pflanzen unter anderem zur Behandlung von Krebs einsetzten. Die Zwiebel z.B. wurde zu dieser Zeit zur Anwendung bei entzündeten Wunden empfohlen. Hippokrates (460-370 vor Christus) waren die pharmakologischen Wirkungen von Nahrungspflanzen ebenfalls bekannt, was seine Aussage „Eure Nahrungsmittel sollen eure Heilmittel und eure Heilmittel sollen eure Nahrungsmittel sein“ belegt.
Anwendung der Heidelbeere in der traditionellen Heilkunde
Die europäische Waldheidelbeere (Vaccinium myrtillus) oder Blaubeere wird traditionell zur Behandlung vieler gängiger Krankheiten eingesetzt. Getrocknete, reife Beeren werden in der Heilkunde gegen Durchfall verwendet. Eine handvoll Beeren wird abgekocht und der entstandene Sud wird zwei bis dreimal täglich getrunken, bis eine Besserung eintritt. Wegen des hohen Gerbstoffgehalts wirkt der abgekochte Saft auch gegen Entzündungen der Mund- und Rachenschleimhaut, indem er gegurgelt wird. Frische Beeren wirken eher abführend. Die getrockneten Blätter der Heidelbeere wurden früher als Heiltee gegen das Wachstum der Schuppenflechte gegeben, auch gegen Durchfall und Magenbeschwerden. Äußerlich angewendet hilft der Sud bei Augenentzündungen und Verbrennungen. Die Verwendung der Blätter ist jedoch mit Vorsicht zu genießen. Bei einer Überdosierung oder bei Daueranwendungen können Vergiftungen auftreten. Die Frucht zeigt keinerlei Nebenwirkungen und kann beruhigt gegessen werden. Seit langem schon gilt diese Beere als geeignetes Mittel, um Kreislaufprobleme sowie bestimmte Augenkrankheiten zu behandeln; manche Ärzte setzen sie noch heute dafür ein.
Positive Wirkung der Heidelbeere bei Augenproblemen
Auch bei der diabetischen Retinopathie und der altersbedingten Makuladegeneration können die blauen Beeren hilfreich sein. Insbesondere nachtblinde und blendempfindliche Personen können von einer guten Versorgung mit Heidelbeeren profitieren. Das gilt speziell für Autofahrer, für ältere Menschen sowie für Menschen, die häufig an einem Monitor arbeiten, häufig fernsehen oder viel lesen. Die überaus reichlich enthaltenen Vitamin-A-Vorstufen (Alpha-Carotin, Beta-Carotin u.ä.) liefern ferner den Rohstoff für das wertvolle Augenvitamin A. Die Verwendung der Heidelbeere in der Augenheilkunde ist umso interessanter, als man heute weiß, dass die diabetischen Retinopathien beispielsweise durch eine unkontrollierte Blutgefäßbildung in der Netzhaut verursacht werden – ein Phänomen vergleichbar dem Prozess, der das Tumorwachstum durch die Bildung neuer Blutgefäße beschleunigt.
Heidelbeeren bei zu hohen Cholesterinwerten
Heidelbeeren können anscheinend auch Cholesterin senken. Zu diesem Schluss kommen Wissenschaftler. In den kleinen Waldbeeren stecken nach ersten Untersuchungen gleich mehrere aktive Wirkstoffe gegen hohe Cholesterinwerte. Die in vivo Untersuchungen ergaben, dass der Stoff Pterostilben, der auch in Weintrauben vorkommt, die stärkste Wirkung entfaltete. Pterostilben wirkt ähnlich wie das cholesterinsenkende Mittel Ciprofibrate berichtet die Forscherin Agnes Rimando vom US-Landwirtschaftsministerium. Ähnliche Antioxidantien haben Forscher bisher nur in Weintrauben und im Rotwein entdecken können. Nach Untersuchungen anderer Wissenschaftler könnte der Wirkstoff Pterostilben auch gegen Diabetes und gegen Krebs eingesetzt werden. "Wie viele Heidelbeeren jemand essen muss, damit diese Wirkung einsetzt, ist bis jetzt nicht geklärt", so Rimando. "Dazu müssen weitere Untersuchungen am Menschen erfolgen.“
Anti-oxidative Substanzen der Heidelbeere als Jungbrunnen
Als wichtigster Grund für Krebserkrankungen werden freie Radikale angesehen. Das sind sehr aktive Formen des Sauerstoffs mit starken oxidierenden Eigenschaften, die Zellwände und Erbsubstanz im menschlichen Organismus zerstören. Die Wirkung freier Radikale ist als zellulärer Oxidationsstress bekannt und spielt eine Rolle bei Alterungsprozessen, Hauterschlaffung und Verschlechterung des Sehvermögens. Oxidativer Stress wird auch für Krebs verantwortlich gemacht. Die Heidelbeere enthält Antioxidantien, welche den Organismus vor der schädlichen Wirkung freier Radikale schützen. Mit der Alterung verringert sich die Produktion natürlicher Antioxidantien im menschlichen Organismus. Die Früchte der Heidelbeere sind dagegen ein ergiebiger Lieferant. Zu den in der Heidelbeere auftretenden Verbindungen mit antioxidativem Charakter gehören die Vitamine C und E sowie auch Anthocyane und weitere Flavonoide. Untersuchungen haben gezeigt, dass die Früchte der Heidelbeere eine deutlich größere antioxidative Wirkung aufweisen als anderes Obst oder Gemüse. Aus diesem Grunde helfen sie, Krebs und Kreislauferkrankungen vorzubeugen und eine elastische Haut und gutes Sehvermögen zu bewahren. Die Früchte der Heidelbeere gelten als natürliches Lebenselixier. Das wurde durch in vivo Versuche bestätigt, die bei Gabe von Heidelbeeren eine Verlangsamung der Alterungsprozesse und zudem eine deutlich längere körperliche und geistige Leistungsfähigkeit zeigten. Hinsichtlich Bewegung und Erinnerung zeigte sich ein potenteres Verhalten über längere Zeit, sowie ein großes kognitives Vermögen. Nach Untersuchung der Hirnfunktionen wurde offensichtlich, dass eine deutlich bessere Signalweiterleitung in den Nervenzellen des Gehirns vorhanden war. Einen ähnlichen Einfluss haben Heidelbeeren auch auf Menschen – aufgrund der antioxidativen Eigenschaften werden die Nervenzellen vor Oxidationsstress geschützt, wodurch die Funktion des Nervensystems verbessert wird. Die neuesten Untersuchungen haben nachgewiesen, dass der Verzehr von Heidelbeeren die Regeneration der Nervenzellen beschleunigt und sogar die Bildung neuer Zellen induziert. Da die Regeneration von Nervenzellen im höheren Alter nachlässt könnten Heidelbeeren einen positiven Einfluss auf das Erinnerungsvermögen haben. Daneben könnten die blauen Beeren weitere körperliche und geistige Alterungsprozesse verzögern und auch das Aussehen der Haut verbessern, die länger jung bleibt.
Heidelbeeren wird eine krebsvorbeugende Wirkung nachgesagt
In den 60er Jahren haben Wissenschaftler in der Heidelbeere die Anthocyane entdeckt, die der Frucht ihre tiefblaue Färbung verleihen. Auf diesen Pflanzenfarbstoffen beruht der antioxidative Schutz der Heidelbeere. Die Anthocyane können so insbesondere die feinen Blutgefäße der Augen vor Schädigungen durch Freie Radikale schützen. Die Anthocyane sind eine Klasse von Polyphenolen, die sich zahlreich in vielen Beeren finden, aber besonders zahlreich bei der Heidelbeere vorhanden sind. Diese kann bis zu 500 mg/100 g enthalten. Auf diesen hohen Gehalt an Anthocyanen dürfte auch die starke antioxidative Wirkung der Heidelbeere zurückzuführen sein. Heidelbeeren nehmen die Spitzenstellung unter den Antioxidantien ein; dicht gefolgt von Himbeeren, Erdbeeren und Cranberrys und weit vor allen anderen Früchten und Gemüsesorten, die regelmäßig bei uns auf den Tisch kommen. Wissenschaftlich noch unklar ist, inwiefern die antioxidativen Wirkungen von Nahrungsmitteln eine Rolle bei der Krebsprävention spielen. Einige Daten deuten darauf hin, dass die Anthocyane nicht nur wirkungsvolle Antioxidantien sind, sondern auch auf andere Weise die Entwicklung von Krebs beeinflussen können. Gibt man beispielsweise zu isolierten Tumorzellen, die im Labor kultiviert wurden, bestimmte Anthocyane hinzu, dann führt das zu einem Stopp der DNA-Synthese und damit des Zellwachstums, was den Zelltod durch Apoptose bewirkt. Ein weiterer krebshemmender Effekt der Anthocyane ist mit der Hemmung des Blutgefäßwachstums verbunden. Professor Beliveau, Inhaber des Lehrstuhls für Krebsprävention und –behandlung an der Universität Quebec, stellte fest, dass ein Anthocyan der Heidelbeere, das Delphinidin, die Aktivität des VEGF-Rezeptors hemmen kann, der eine wichtige Rolle bei der Blutgefäßbildung spielt; und das schon in Konzentrationen, die wir durch die Nahrung aufnehmen können. Weitere wissenschaftliche Erkenntnisse anderer Arbeitsgruppen deuten ebenfalls darauf hin, dass die Anthocyane für die Hemmung der Blutgefäße verantwortlich sind und dadurch zur Verlangsamung des Tumorwachstums führen.
Schlußfolgerung
Seit langem kennt man die heilsamen und krebsvorbeugenden Kräfte der Heidelbeere. Insbesondere die Anthocyane der Heidelbeere scheinen in dieser Hinsicht besonders effektiv zu sein. Zahlreiche experimentelle und epidemiologische Studien belegen die Wirksamkeit und Wissenschaftler haben zugrunde liegende Mechanismen identifiziert. Die Inhaltsstoffe der Heidelbeere sind sowohl wegen ihrer starken Hemmung der Blutgefäßbildung als auch wegen ihrer antioxidativen Eigenschaften wichtig bei der Krebsvorbeugung. Abschließend sei hier bemerkt, dass dieser Artikel nicht zu dem Schluss verleiten sollte, dass eine hohe Zufuhr von Heidelbeeren oder womöglich isolierter Substanzen daraus vor bestimmten Krankheiten schützen oder Krebserkrankungen heilen könnte. Die aktuelle Datenlage lässt lediglich den Schluss zu, dass der häufige Verzehr von Heidelbeeren zu einer Risikominderung bei bestimmten Personen führen kann. Diese köstlichen Früchte verdienen daher einen Vorzugsplatz in der täglichen Ernährung.