Die Heidelbeere in der bildenden Kunst

Richard Heath
Diplom-Studiengang Fachbereich Kunst und
ihre Didaktik, Pädagogische Hochschule Heidelberg

 

Betrachtet man Stillleben aus der Renaissance oder dem Barock, dann sind allerlei exotische Früchte, erlesene Speisen und vor allem Weintrauben zu erkennen, aber keine Heidelbeeren. Auch in der Kunst der Moderne sucht man die Heidelbeere scheinbar vergebens. Sie findet sich nicht auf bekannten Werken oder bei den berühmten Namen der Kunst. Haben die Künstler die Heidelbeere übersehen?

Schaut man abseits ausgetretener Pfade, so zeigt sich, dass die Heidelbeere in der bildenden Kunst dennoch auf mannigfaltige Art vertreten ist. Aus dem Jahr 1463 ist in dem Chorgewölbe der Pfarrkirche St. Marein bei Knittelfeld in Österreich ein Fresko eines Heidelbeerstrauchs erhalten geblieben. Die Pflanzendarstellung ist durchaus stilisiert, jedoch hat der Maler auf eine naturnahe und farblich realistische Gestaltung geachtet. Die Erfindung des Buchdrucks im ausgehenden Mittelalter schuf eine neue mediale Form der Abbildung von Pflanzen. Besonders in Kräuterbüchern, die im 16. Jahrhundert weite Verbreitung fanden, wurden Illustrationen von Heidelbeersträuchern abgedruckt. Es handelte sich dabei nicht um künstlerische Darstellungen, sondern um eine möglichst realitätsnahe Wiedergabe der Pflanzen, da der Leser die Pflanzen für die Herstellung von Salben und Tinkturen wiedererkennen sollte. Die recht einfachen Abbildungen von Heidelbeersträuchern hatten ihre Funktion nur im Zusammenhang mit den medizinischen Texten, wie unter anderem im Kräuterbuch von Hieronymus Bock aus dem Jahr 1551. In den darauffolgenden 200 Jahren vollzog sich eine Entwicklung und Verfeinerung der gedruckten Pflanzendarstellungen. Dies kann man auch an den Illustrationen der Heidelbeere ablesen. Im 17. und vor allem im 18. Jahrhundert rückte die wissenschaftliche Untersuchung der Natur in den Vordergrund. Deshalb finden sich in dieser Zeit vermehrt Bücher, in denen nicht mehr die Heilwirkung der Heidelbeere oder anderer Pflanzen im Mittelpunkt steht, sondern deren wissenschaftliche Klassifikation und naturgetreue Darstellung. Die verfeinerten technischen Möglichkeiten des Kupferstichs haben ihr Übriges dazu beigetragen, dass die Illustratoren nicht nur auf die wissenschaftlich exakte Abbildung, sondern teilweise auch auf künstlerische Qualitäten Wert legten. Im Herbarivm Blackwellianvm von 1765 wird auf einem kolorierten Kupferstich einer Vaccinium myrtillus (lat. Heidelbeere) bereits die Buchseite als künstlerisches Format verwendet, damit die Illustration des Heidelbeerstrauchs zusammen mit dem erläuternden Text eine kompositorische Einheit bilden kann. Diese Darstellung der Heidelbeere im Herbarivm Blackwellianvm unterscheidet sich besonders von anderen naturkundlichen Büchern der Epoche, in denen möglichst viele Pflanzen auf einer Seite abgebildet wurden.

Abgesehen von diesen frühen Beispielen wird die Heidelbeere in der bildenden Kunst Europas als Motiv kaum beachtet. Zu erwähnen ist immerhin der deutsche Künstler Stefan Bräuniger mit seiner sehr naturalistischen Darstellung der Blaubeeren aus dem Jahr 1998.

In den USA ist die "Blueberry" beziehungsweise "Huckleberry" jedoch auch in der bildenden Kunst beliebt. Die Künstler befassen sich mit der Heidelbeere mal mehr, mal weniger kitschig. Seien es Stillleben von Blueberry Tarts, Aquarelle des Heidelbeerstrauchs, plakative Popblueberrys, witzige Cartoons oder gar eine aus Metall gegossene Plastik einer einzelnen Frucht, die Heidelbeere zeigt dort eine große künstlerische Bandbreite. Die "Blueberry" findet in den USA bei Hobbymalern und professionellen Künstlern gleichermaßen Beachtung, wie zum Beispiel bei den US-Amerikanern Christian und Rob Clayton. Sie haben im Stil der Pop-Art der Heidelbeere ein schrilles Denkmal gesetzt. Auf ihrem Bild "Anti Accidents" (2009) hat ein Mann eine riesige, knallblaue Beere auf dem Kopf. Es scheint, als ob er von ihr verschlungen wird und nicht umgekehrt. Diese Verschiedenheit künstlerischer Darstellungen ergibt sich aus dem spezifischen gestalterischen Potenzial der Heidelbeere. Die gleichmäßige Farbigkeit, ihr für sie typisches Blau, ihre plastische Kugelform mit der leicht ausgefranzten Einbuchtung im Zusammenspiel mit den elliptisch zugespitzten Blättern lassen die Heidelbeere auch in unterschiedlichen künstlerischen Disziplinen charakteristisch erscheinen.

Doch warum finden sich so viele Heidelbeerkunstwerke in den USA? Vor allem in der amerikanischen Folk-Art wird die Tradition der "Huckleberry" deutlich. Das Pflücken von Heidelbeeren auf Gemälden stellt eine Tätigkeit dar, die für die Siedler in den USA selbstverständlich und vielleicht auch lebensnotwendig war. Dies mag ein Hinweis sein, warum die Heidelbeere dort Teil des nationalen Kulturguts ist, das in den vielfältigen künstlerischen Darstellungen seinen Ausdruck findet.

Doch damit nicht genug. Die Heidelbeere wird nicht nur künstlerisch dargestellt, sondern dient auch als Namensgeber für verschiedene Bereiche in der bildenden Kunst. Anknüpfend an die Verwendung von Heidelbeeren als Farbstoff kann man in den USA Künstlerfarben der Firma Americana Paints kaufen, die eigens den Farbton "Blueberry Art Deco Acrylic" anbietet. Künstler können sich aussuchen, ob sie ihre Werke entweder in der Blueberry Art Gallery in Virginia oder in der Huckleberry Fine Art Gallery in Washington D.C. präsentieren. Oder fahren Sie, liebe Leser, doch einfach zum jährlichen "Blueberry Art Festival" nach Minnesota. Wenn der Heidelbeere in Übersee ein solches künstlerisches Interesse entgegengebracht wird, dann wäre es doch an der Zeit, dass sie in ihrer "Heimatstadt" Heidelberg als Motiv in der Kunst eine Renaissance erfährt. Motivierend dürfte für die Kunstschaffenden dabei die Studie von Dr. Thomas Haffner aus dem Jahr 1992 sein, die belegt, dass im Gründungssiegel der Universität Heidelberg von 1386 grafische Abbildungen von Heidelbeerzweigen zu finden sind, die den heraldischen Bezug der Universität zur Stadt Heidelberg herstellen. Vielleicht ist das vom damaligen Kurfürsten Ruprecht I. in Auftrag gegebene Siegelbild die älteste überlieferte Darstellung von Heidelbeeren überhaupt.